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Essays

Abyssus - Von der Idee zum Buch

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Hier zur Rezension zum Buch von Peter Mennigen

Von der Idee zum Buch - ein Beitrag von Peter Mennigen

Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, und seitdem strebt der Mensch danach, wie Gott zu sein. So könnte man die Essenz des Buches "Abyssus" beschreiben. Im Mittelalter setzten Magier und Hexen dabei auf Schwarze Magie, um dieses Ziel zu erreichen. Heutzutage experimentieren Gen- und Computerexperten mit dem Göttlichen. Frankenstein schuf in der Fiktion den ersten künstlichen Menschen, im realen Leben wandeln Genetiker auf seinen Spuren. Schreitet die Entwicklung in dem Maß voran wie bisher, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ewiges Leben für uns mehr als nur eine Vision vom Göttlichsein ist.
Doch jedes Ding, jeder Gedanke, jede Erfindung besitzt eine dunkle Spiegelseite. Auch davon handelt dieses Buch. Was als verlockende Verheißung erscheint, zieht oft unabsehbare Konsequenzen nach sich, mit denen wir dann zu leben lernen müssen.

Normalerweise durchlebt jeder Autor vor dem Schreiben eines Romans die sogenannte Findungsphase: die Frage nach Inhalt, Art und Stil der Geschichte. Viele Ideen fallen durch das Gedankenraster, andere verknüpfen sich miteinander und lassen in Kombination etwas völlig Neues entstehen. Oft ist dieses Auswahlverfahren ein anstrengender, bisweilen auch frustrierender Prozess, der zudem nicht immer vom gewünschten Erfolg gekrönt ist. Manchmal geschieht es allerdings auch, dass nicht der Autor ein Thema sucht, sondern das Thema den Autor. So geschehen bei "Abyssus".
Anfang der Achtziger besuchte ich zum ersten Mal Paris. Die Stadt zog mich sofort in ihren Bann. Je mehr ich mich mit ihrer Geschichte beschäftigte, desto dunklere Geheimnisse offenbarten sich, die im Verborgenen hinter historischen Fassaden schlummerten.
Ende der Achtziger las ich einen Bericht über amerikanische Wissenschaftler vom "Institute of Technology" in Massachusetts, die Computer mit Künstlicher Intelligenz entwickelten. Ihre Arbeit wies auffällige Parallelen mit der von mittelalterlichen Hexenmeistern auf, die dasselbe Ziel nur mit anderen Mitteln, nämlich mit Schwarzer Magie, zu erreichen versucht hatten: ewiges Leben und Göttlichsein.
Dies war eine Art Initialzündung für einen Roman über die Beziehung zwischen Wissenschaft, Religion und Magie; dazu mit Paris, der Stadt der Magier, Hexen und Geheimlogen, als Ort der Handlung.
Doch von der Idee bis zur Umsetzung war es ein langer Weg. Die Geschichte reifte zunächst über einen sehr langen Zeitraum irgendwo in meinem Hinterkopf, wo sie im Verborgenen gedieh und wo zunehmend neue Handlungsstränge sprossen, die dann aber immer vehementer darauf drängten, zu Papier gebracht zu werden.
Irgendwann stand das Grundgerüst der Story: eine fiktive, in Paris angesiedelte Handlung, in der die moderne Wissenschaft mit ihrer Künstlichen Intelligenz und die mittelalterliche Magie als deren Gegenpart aufeinander treffen. Historische Fakten über die geheimnisvolle Chronik der Stadt sollten diese Handlungsstränge dann miteinander verweben.

Die Recherche für das Buch nahm über ein halbes Jahr in Anspruch, das Schreiben ein weiteres halbes Jahr. Das Ergebnis war ein ca. zweihundert Seiten umfassendes Skript, das formal mit dem übereinstimmte, was mir thematisch vorschwebte: Ein spannender und actionreicher Mystery-Krimi, bei dem mittelalterliche Magie und die "Magie" des modernen Cyber-Zeitalters aufeinander prallten. Aber etwas fehlte; sowohl stilistisch als auch vom Gesamtkonzept her. Zunächst konnte ich nicht recht greifen, an was es der Story genau mangelte, weshalb ich das Manuskript vorläufig beiseite legte und mich anderen Projekten widmete. Vielleicht wäre die Geschichte mit der Zeit in Vergessenheit geraten, hätte sie mir die erhoffte Ruhe gelassen. Stattdessen spukte sie mir viele Monate lang weiter durch den Kopf und zwang mich, mich mit ihr zu beschäftigen. Das ging so weit, dass sie meine Konzentration auf andere Themen erheblich störte. Um dem Spuk ein Ende zu bereiten, erlöste ich das Manuskript aus seiner Verbannung. Mit dem Abstand mehrerer Jahre erkannte ich beim Lesen, wo der Fehler darin lag. Das Skript war "nur" eine Geschichte, die etwas Fiktives erzählte. Sie war beliebig, austauschbar, etwas, das sich ein Autor "nur" ausgedacht hatte. Abgesehen von den historischen Fakten über Paris mangelte es dem Werk an einem glaubwürdigen, realen Unterbau. Wenn man über Hexen schreibt, so sollte man wissen, was eine Hexe weiß und wie sie tickt. Oder wenn man ein Computergenie, den Entwickler von so etwas Genialem wie "Künstlicher Intelligenz" zum Protagonisten nimmt, dann muss man sich in seiner Wissens- und Gedankenwelt auskennen, um ihm beim Leser Glaubhaftigkeit zu verleihen. Was wiederum bedeutet, der Autor muss sich zumindest einen Teil seines Wissens über Künstliche Intelligenz aneignen, um aus einem fiktiven Charakter einen glaubwürdigen Charakter zu machen. Also tauchte ich nicht nur in die dunkle Geschichte der Hexerei mit all ihren Beschwörungsriten ein, sondern auch in die hochkomplexe Welt der Quantenphysik, die Voraussetzung für die Entwicklung einer KI-Software ist. Erst dadurch konnte ich die Protagonisten des Buches mit der notwendigen Authentizität ausstatten.
Aber immer noch fehlte ein wichtiges Element, um dem Gesamtthema gerecht zu werden: der philosophische Unterbau. Letztendlich geht es in "Abyssus" auch um ethische und moralische Werte, die bei der Erschaffung künstlichen Lebens zwangsläufig in Frage gestellt werden. Also musste ich mich mit jenen Institutionen auseinandersetzen, die diese Werte für sich beanspruchen. Das führte automatisch zu den Religionen, ihre Bedeutung für die Menschen und die Mittel ihrer Machterhaltung durch die Schaffung des Teufels, Verfolgung Andersgläubiger, Verteufelung der Wissenschaft usw. Was wiederum aufwendige Recherchen bedeutete, die weit über ein Jahr in Anspruch nahmen.

Damit waren die notwendigen Eckpfeiler für das Buch beisammen. Die fiktive Geschichte mit ihren Spannungselementen hatte ich bereits in dem alten Skript ausgearbeitet, doch erwies die sich nun im Zusammenspiel mit dem neuen Material als unbrauchbar. Sie funktionierte nicht, weil sie zu oberflächenfixiert, zu handlungsorientiert war. Was fehlte war die Reflexion über die Gefühle und Gedanken der Figuren. Aber auch stilistisch sollte dieser Teil der Handlung ein Gegengewicht zu den nüchternen und düsteren Fakten bilden, die den dokumentarischen Teil des Romans ausmachen. Deshalb lockerte ich den fiktiven Part mit einem verspielten und bisweilen bissig-humorvollen Unterton auf. Auch ging ich bei der Beschreibung der Szenen viel mehr in die Tiefe, sezierte Handlungen manchmal bis in winzigste Details.
Ebenfalls wichtig erschien mir, dass mein wissenschaftlicher Protagonist Alan Osborne kein Held im landläufigen Sinne ist. Zu Beginn erscheint er eher als ein mit Schwächen und Neurosen behafteter Weichling. Doch im Laufe der Geschichte entwickelt er sich und wird am Schluss tatsächlich zum Helden. Nicht, indem er Berge versetzt, sondern weil er über seinen Schatten springt und seine Ängste überwindet. Er ist in jeder Weise ein ungewöhnlicher und auf seine spezielle Art ein liebenswürdiger Romanheld, weil er sich - nicht selten mit lakonischem Humor und Selbstironie - seiner persönlichen Schwächen und seines eher tragikomischen Privatlebens bewusst ist. Beruflich ist er dagegen eine Autorität. Es schlagen also zwei Seelen in seiner Brust, die ständig in Konflikt stehen: Er findet höchste berufliche Anerkennung, aber keine Frau fürs Leben (oder überhaupt eine Frau).

Nachdem die Recherche abgeschlossen war und die Story in groben Zügen feststand, begann das eigentliche Schreiben. Einmal begonnen, ließ mich das Buch zwei Jahre lang, sieben Tage die Woche, nicht selten bis tief in die Nacht, nicht mehr los. Immer neue Handlungsideen, Dialoge und Formulierungen duldeten keine Ruhe. Aufgrund des umfangreichen Recherchematerials und der komplexen Story und Interaktionen der Hauptfiguren erschien es mir manchmal, als wollte ich einen gigantischen Berg mit einem winzigen Schäufelchen abtragen. Und die Geschichte erlaubte es auch nicht, dass ich einen Satz einfach nur niederschrieb, sondern trieb mich dazu, solange mit Worten und Formulierungen zu ringen, bis ihr das Ergebnis genehm war. Im Nachhinein war das Schreiben ein sehr langer Prozess voller Überraschungen. Oft entwickelte sich die Handlung von allein und ganz anders als ursprünglich beabsichtigt. Ab einem bestimmten Punkt führte sie ein regelrechtes Eigenleben, dem ich beim Schreiben nur staunend zusehen konnte und gespannt sein durfte, wo sie wohl hinführte. Rückblickend erscheint es fast, als wollte die Geschichte erzwingen, geschrieben zu werden.
Dazu passt vielleicht eine kleine Anekdote: Als ich nach Vollendung des Romans als Autor für ein Projekt der Europäischen Union in Paris war, besuchte ich in meiner Freizeit die authentischen Handlungsorte des Buches. Die meisten kannte ich bereits von früheren Besuchen oder Bildern. Nur das Haus der Hexen in der Rue de Chantilly hatte ich noch nie gesehen. Ich hatte es als zentralen Handlungsort gewählt, weil dort der Prinz Charles von Charolais Ende des 18. Jahrhunderts gewohnt und grausame Ritualmorde praktiziert hatte. Da mir keine Unterlagen von diesem Gebäude vorlagen, hatte ich es aus der Phantasie heraus beschrieben. Als ich dann leibhaftig vor diesem Haus stand und es bis ins Detail haargenau so aussah, wie ich es mir ausgedacht und niedergeschrieben hatte, war das schon ein äußerst seltsames Gefühl.

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