Titel: Aether Eine Besprechung / Rezension von Erik Schreiber |
England ist in der Fantasy-Literatur wieder mal `in’, wie man auf Neudeutsch sagen würde. Ob das nun die Spiderwick-Geheimnisse von Holly Black sind, die Bartimäus-Trilogie von Jonathan Stroud oder J. B. Cheaney’s "Verschwörung von London" - es ist ein London bzw. spätviktorianisches England einer parallel bestehenden Welt. Auch der Roman Aether spielt in einem nachindustriellen England. Allerdings nicht in der gewöhnlichen Science-Fiction-behafteten Parallelwelt, sondern eher in einer Fantasy-Welt. Ian R. MacLeod verzichtet darauf, eine gänzlich neue Welt zu erfinden, er nimmt durchaus Anleihen bei Arthur Conan Doyle und Charles Dickens, wenn es darum geht, die Welt zu beschreiben. Die Geschichte spielt in einer Zeit, die ich durchaus vor den `Weber-Aufständen’ in England und später Kontinentaleuropa ansiedeln würde. Daneben besteht aber gerade auch die phantastische Welt, in der all die wundersamen Wesen menschlicher Phantasie beheimatet sind. Allerdings finden sich in Aether sozialpolitische Kritik sowie die Entwicklungsgeschichte des angehenden Werkzeugmachers Robert Borrows. Der Begriff Aether für das fünfte Element fußt wohl eher auf der mythologischen Bedeutung eines Stoffes, den die Götter einatmen und in dem die Gestirne sich bewegen, in dem gleichzeitig aber auch die Seele allen Lebenden ist. Dabei wird die Seele entartet, wirkt der Aether auf die Menschen doch eher wie ein schleichendes Gift, ähnlich einer Vergiftung durch Radioaktivität. Vor etwa dreihundert Jahren fand man die sagenhafte Substanz, der man den Namen Aether gab. Es hat als fünftes Element Eingang in die spirituelle Welt gefunden, denn es ist ein Gegensätzliches Extrem. Im Dunkeln scheint es hell, im Hellen wirft es Schatten, mit ihm lassen sich Brücken bauen, die sonst einstürzen würden oder Dampfmaschinen, die sonst explodieren würden. Durch dieses Element bilden sich alsbald Gilden, die das Geheimnis dieses fünften Elementes wie ihren Augapfel hüten. Die streng gegliederte Rangordnung, die sich daraus entwickelt, stellt ausgebildete Spezialisten ganz an die Spitze, bis hinunter zu den menschlichen Sklaven, mit nur wenig mehr Lohn als dem nötigen Existenzminimum. Letztere werden dazu benutzt, das Element aus den Tiefen der Erde zu holen, was aber zu körperlichen Veränderungen und einen frühen Tod führt. An dieser Stelle übertreibt Ian R. MacLeod ein wenig und vermischt die gesundheitsschädigende Kohleförderung mit radioaktiver Strahlung. Zumindest, was die Auswirkungen angeht.
Im Mittelpunkt steht erst einmal der bereits oben genannte Robert Borrows. Er wurde in Bracebridge geboren, einer Stadt, die vor allem von der Förderung des Aether lebt. MacLeod versteht es sehr geschickt, den Ist-Zustand des Industriereviers zu beschreiben, den sogenannten Fortschritt, der durch das Element zustandegebracht wurde: die Maschinen, die rund um die Uhr laufen und daher auch den Menschen zwingen, sich an sie anzupassen. Schon von Kindesbeinen an weiß Robert, dass er in den Fabriken arbeiten wird, wie sein Vater, und er dem industriellen Gott des Fortschritts und dem Geld huldigen muss. Spätestens ab dem Moment, als seine Mutter einer Aethervergiftung anheimfällt und sich in einen Wechselbalg verwandelt, der bald darauf stirbt, kehrt er seinem Geburtsort den Rücken zu und begibt sich nach London. Die Großstadt London richtet an ihn den Lockruf eines neuen Zeitalters. Hier sieht er den Reichtum der Gilden in einem krassen Gegensatz zur Armut der unteren Kasten. Hauptdarsteller Borrows erhofft sich hier eine Antwort auf alle seine Fragen. Zudem trifft er auf eine Jugendfreundin, die in seiner Nähe aufwuchs und ein wenig die Magie des Aether beherrscht. Hieraus entwickelt sich eine verwinkelte Liebesgeschichte, die sich durch das ganze Buch zieht. Der Autor versetzt den Leser ein klein wenig in Panik mit seiner allzu wirklichkeitsgetreuen Fortschrittsgläubigkeit, entpuppt sich fast als ein Sozialist, der mit seinem Fantasyroman sozialkritische Geschichte schreibt. Ian R. MacLeod schreibt dabei das kommunistische Manifest nicht neu, hebt nicht den Zeigefinger, weder drohend noch belehrend, und deutet auch nicht auf den Leser, der in seiner lesenden Teilnahmslosigkeit nicht in der Lage oder willens ist einzuschreiten. Ich hatte ein paar Schwierigkeiten, mich in die Erzählung einzulesen. Wir haben eine fesselnde Welt, die der Vergangenheit unserer Welt sehr ähnlich, in anderen Dingen aber so unsagbar fremd ist. Das Wagnis, auf das sich Leser wie Autor gleichermaßen einlassen, liegt darin, einen Roman zu haben, der viele Dinge neu beurteilt, andere aber nur andenkt und lose Enden aus den Seiten herausbaumeln lässt. Manchmal verpasst MacLeod die Gelegenheit, lesenswerte und überdenkenswerte Ansätze miteinander zu verknüpfen. Er verbindet aber immerhin die Vor- und Nachteile des Aether, wenn sein Handlungsträger sich lang und breit darüber auslässt. Was mir an diesem Buch besonders gefiel, war die Übersetzung durch Barbara Slawig. Ich kenne das Buch im Original nicht, aber die Sprache, die die Übersetzerin benutzt, ist kein plattes Straßendeutsch, sondern zeugt von einer gebildeten Frau, die mir sehr zusagt. Das vorliegende Buch ist im wahrsten Sinn des Wortes ein phantastischer Roman. Er lässt sich schwer in eine Richtung der Fantasy einordnen. Aus einem Fantasy-Roman mit Alternativwelteinschlag wird ein pseudohistorischer Roman, ein Liebesroman mit phantastischem Hintergrund und sozialkritische Gesellschaftskritik.
Das Buch selbst ist von einer hervorragenden Qualität. Sauber gedruckter Schutzumschlag, ein giftgrüner Einband versteckt sich darunter und beherbergt sorgfältig ausgewähltes Papier und eine angenehm lesbare Schrift. Das ist ein Buch, dem ich nach langem Überdenken tatsächlich meine fünf vollen Punkte zuerkenne.