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Essays

Die Herr der Ringe Übersetzung von Wolfgang Krege

Bewertung: 3 / 5

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Wie gut ist die neue Herr der Ringe-Übersetzung.

Ein Essay von Rupert Schwarz
(weitere Rezensionen von Rupert Schwarz auf fictionfantasy findet man hier)

Vor ein paar Jahren wurde die ganze tolkiensche Welt durchgerüttelt: Der Herr der Ringe ist neu übersetzt worden und die neue Übersetzung soll nicht gut sein. Die alte Übersetzung von Margaret Carroux sein nicht mehr zeitgemäß. So macht sich Wolfgang Krege daran, den Herrn der Ringein das 21. Jahrhundert zu holen. Nun, dies war eigentlich keine so schlechte Idee, denn die alte Übersetzung wies doch eine alte Sprache auf, die manche Leser abgeschreckt haben dürfte. Doch das Ergebnis traf nicht den Geschmack der Tolkien Fans.

Der Hauptvorwurf an Krege ist das Benutzen von moderner Umgangssprache. So spricht Sam Frodo gelegentlich mit "Chef" an. Ich persönlich finde das jetzt noch nicht so schlimm, denn wir sind ja sehr stark die alte Übersetzung gewöhnt und haben ein Bild von den Personen gewonnen. Aber die Hobbits sind einfache, lebensfrohe Leute und warum sollten sie nicht mal ein paar Phrasen dreschen. So abwegig ist dies nicht. Nur zu Sam passt es nicht so ganz.

Schwerwiegender ist das schon die Tatsache, dass manche Stellen unfreiwillig komisch werden. Ein zwei Beispiele:

Tolkien: "Like as not" said the Lady with a gentle laugh.
Krege:"Na klar" sagte die hohe Frau leise kichernd.
(Mit Lady war Galadriel gemeint)

Tolkien: "I hope Strider or someone will come and claim us."
Carroux: "Ich hoffe, Streicher oder sonst wer wird kommen und uns abholen."
Krege: "Hoffentlich kommt Streicher und holt mich im Fundbüro ab."

Bei letzteren Beispiel möchte ich anmerken, dass die Carroux Übersetzung auch nicht sonderlich gut war. Der Gedanke einen anderen Weg zu gehen war gewiss nicht schlecht, auch wenn dies hier in die Hose ging. Ich frage mich, welcher Teufel ihn da geritten hat. Letztendlich aber muss ich sagen, dass ich nicht verstehe, dass man sich bei der Neuübersetzung des zweiterfolgreichsten Buches (nach der Bibel) des 20. Jahrhunderts kein anständiges Lektorat geleistet hat. Solche Fehler hätten ein Lektor eliminieren müssen.

Doch trotz aller Kritik: Liest man mal längere Passagen aus beiden Büchern parallel, so stellt man fest, dass die neue Übersetzung nicht so schlecht ist, wie der Ruf. Teilweise sind Passagen besser als in der Carroux Übersetzung übertragen. Nur das wird keiner zugeben. Ich will mal ein Beispiel anhand einer Textstelle zur Belagerung von Gondor geben.

 

Carroux Übersetzung Krege Übersetzung
"Du kannst hier nicht hereinkommen", sagte Gandalf, und der riesige Schatten hielt an. "Geh zurück zu dem Abgrund, der für dich bereitet ist! Geh zurück! Stürze in das Nichts, das deinen Herrn und dich erwartet! Geh!" Der Schwarze Reiter warf seine Kapuze zurück und siehe! er trug eine Königskrone; und doch saß sie auf keinem sichtbaren Kopf. Der rote Feuerschein leuchtete zwischen ihr und den vom Mantel bedeckten breiten, schwarzen Schultern hindurch. Ein unsichtbarer Mund stieß ein grässliches Gelächter aus. "Alter Narr!" sagte er. "Alter Narr! Das ist meine Stunde. Kennst du den Tod nicht, wenn du ihn siehst? Stirb jetzt und fluche vergebens!" Und damit hob er sein Schwert hoch, und Flammen liefen an der Klinge entlang. "Du kannst hier nicht herein", sagte Gandalf, und der riesige Schatten hielt. "Zurück mit Dir in den Abgrund, wo dein Platz ist! Zurück! Stürze ins Nichts, das dich und deinen Gebieter erwartet! Fort!" Der schwarze Reiter warf die Kapuze zurück, und man sah, er trug eine Königskrone, doch er trug sie auf keinem sichtbaren Kopf. Der rote Feuerschein fiel zwischen ihr und den dunklen, breiten Mantelschultern hindurch. Aus unsichtbarem Mund kam ein giftiges Gelächter. "Alter Narr!" rief er. "Alter Narr! Dies ist meine Stunde. Erkennst Du den Tod nicht, wenn er dir begegnet? Stirb und fluche vergebens!" Damit hob er sein Schwert, und Flammen züngelten die Klinge entlang.

 

 

Hier noch eine andere Passage, die zeigt, dass auch die vielgelobte Carroux Übersetzung ihre Schwächen hatte:
Carroux: "Und plink! Ein silberner Tropfen fällt, und die runden Kringel auf dem Glas lassen alle Türme sich verbeugen, und wie Wasserpflanzen und Korallen in einer Meeresgrotte wogen sie."
Krege: "Und plink! fällt ein silberner Tropfen herab, und Kreise breiten sich über den Spiegel aus und lassen alle Türme sich verneigen und schwanken wie die Kräuter und Korallen in einer Meeresgrotte."

Fazit: Mit einem anständigen Lektorat und weniger Umgangssprache hätte die Übersetzung ein großer Wurf werden können. So bleibt die Hoffnung, dass der Verlag dies eines Tages noch nachholen wird. Auf jeden Fall ist die neue Übersetzung nicht der Kapitalschaden, wie man immer liest. Für einen alten Tolkien Leser wird natürlich die alte Übersetzung die einzig wahre bleiben, denn auch die Sprache beeinflusst das Bild, dass man sich macht und dem wird dann die neue Übersetzung nicht gerecht.

Auf folgender Seite findet ihr noch mehr Vergleiche zu den Übersetzungen:

Elronds Haus - alte, neue und englische Fassung im Vergleich

 

Tolkien Themenübersicht
Hintergründe, sowie Buch- und Film-Rezensionen

 

 

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