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Essays

Meine ganz persönliche Begegnung mit Der Herr der Ringe

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Das Werk J. R. R. Tolkiens aus der Sicht eines Schreibers
Von Holger M. Pohl

Es war einmal... ich glaube im Jahr 1976, als mir während der Schulpausen ein Klassenkamerad auffiel, der, statt wie wir anderen entweder kurz eine rauchen zu gehen oder über die Bundesliga zu sprechen oder sonst etwas kurzweiliges zu treiben, da saß und in einem grünen Buch schmökerte, dessen Titelbild ein seltsames Auge zierte.

"Hey, Thomas, was liest du da?" fragte ich.
"Der Herr der Ringe."
"Aha." Noch nie gehört. "Gut?"
"Klasse!"
"Was ist das?"
"Fantasy."

Das war meine erste Begegnung mit dem Herrn der Ringe. Damals war ich noch nicht auf dem Fantasy-Zug aufgesprungen, geschweige denn in der Nähe der Gleise. Ich fuhr noch eingleisig auf der SF-Schiene, bevorzugt natürlich Perry Rhodan.

Es sollten weitere zwei Jahre vergehen, bis ich meine nächste Begegnung mit Der Herr der Ringe hatte.
1978 stand das Erscheinen von Ralph Bakshis Zeichentrickverfilmung von Der Herr der Ringe bevor. Ich war damals bereits ein wenig auf dem Fantasy-Zug und Stephen R. Donaldsons "Thomas Covenant" gelesen, konnte also mit Fantasy schon etwas mehr anfangen. Ich legte mir daher den grünen Schuber von Klett-Cotta zu, in der Hoffnung, das ich die drei Bände noch vor dem Erscheinen des Filmes schaffen würde. Ich schaffte sie - und zwar ganz leicht und ganz locker! Sie waren innerhalb einer Woche durchgelesen. Das Mittelerde-Fieber hatte mich gepackt. "Thomas Covenant" hatte dafür gesorgt, dass ich in den Fantasy-Zug einstieg. Der Herr der Ringe hatte dafür gesorgt, dass ich mir eine unbegrenzte Dauerkarte besorgte.

Ich habe damals schon geschrieben, zum Zeitvertreib und ohne große Ambitionen. Meist handelte es sich um SF-Geschichten, die von etwas, was ich gelesen hatte, beeinflusst waren. Nun kamen auch noch Fantasy-Geschichten dazu. Aber immer noch ohne große Ambitionen. Schreiber, Schriftsteller zu werden, das war damals noch nicht mein Ding. Ich wollte die Dinger bauen, mit denen man den Weltraum eroberte, und studierte deswegen Luft- und Raumfahrttechnik.

Irgendwann wurde dann aber mehr aus dem Schreiben und ich stellte fest: außer SF gibt es ja auch noch Fantasy und das begann mich nun mindestens ebenso zu faszinieren - nicht das Lesen, sondern das Schreiben. Und ohne zu übertreiben, so hat mich Der Herr der Ringe in dieser Richtung maßgeblich und unmittelbar beeinflusst. Außer dem Hauptwerk hatte ich mittlerweile noch Der Hobbit, Nachrichten aus Mittelerde und das Silmarillion gelesen. Die Welt Mittelerde war zu einem festen Bestandteil meiner Fantasy-Welt geworden.

Es gibt Kritiker, die Der Herr der Ringe als zu umständlich, zu umfangreich, zu lang betrachten und in manchen Dingen mögen sie sicher recht haben. Doch Der Herr der Ringe ist nur ein Teil der ganzen Tolkien-Welt.
Das ganze Beiwerk, die Historie dazu, die ganzen Ideen und Gedanken, das ganze alles macht aus Der Herr der Ringe etwas einzigartiges. Für mich wurde es zu einem Vorbild. Nicht, dass ich ein Remake davon schreiben wollte oder einen müden Abklatsch, nein. Ich wollte ein Werk schreiben, das ebenso geschichtlich fundiert, mit Hintergründen versehen und mit kleinen oder großen Anekdoten angereichert war. Das war die eigentliche Vorbildfunktion, die Der Herr der Ringe für mich hatte und auch immer noch hat. Und ich bin der festen Überzeugung, dass alle, die später epische Fantasy-Zyklen geschrieben haben, sich daran ebenfalls orientierten.
Jeder der schreibt, weiß, welche Mühe es macht, eine lange Geschichte zu schreiben. Eine lange Geschichte nimmt immer irgendwo auf Ereignisse der Vergangenheit Bezug. Sie könnte sonst nicht funktionieren. Die Protagonisten und Antagonisten, selbst die Nebenfiguren haben in einer langen Geschichte immer eine Vergangenheit. Oft reicht es, diese Vergangenheit kurz zu beschreiben, doch es kommt fast ebenso oft vor, dass diese Vergangenheit sich verselbstständigt, dass sie zu einer eigenen Geschichte, einer Geschichte in der Geschichte wird. Und diese Geschichte wird umfangreicher und umfangreicher, bis sie am Ende sogar die Hauptgeschichte übertrifft. Manchmal werden aus diesen, vielleicht nur für den Eigengebrauch gemachten Notizen, eigene Werke.
Das ist der Einfluss, den Tolkiens Der Herr der Ringe auf mich als Schreiber hat. Meine beiden großen Fantasy-Geschichten - ARKLAND und NEYADA - sind nur möglich, weil es Ereignisse in der Vergangenheit gab. Und zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart liegen Zeiträume, die weiteren Einfluss auf die Gegenwart haben. Wenn ich zusammenzähle, was ich z. B. zu NEYADA an Begleitnotizen, Überlegungen, Skizzen, Personenbeschreibungen, Daten, Zeittafeln usw. habe, so komme ich ganz sicher auf die Hälfte des eigentlichen Romans - und der ist etwa 400 Seiten stark.

Letztlich hat mir Der Herr der Ringe den Weg geebnet, um wirklich umfangreiche Geschichten in Angriff zu nehmen. Für mich ist Der Herr der Ringe nicht einfach ein Fantasy-Werk von epischer Breite. Für mich ist es eine Art Motivation und Inspiration. Jedesmal, wenn ich bei etwas längerem aufgeben will, denke ich an Der Herr der Ringe - und weiß, dass ich weitermachen werde.

Aus meiner ersten Begegnung mit dem Tolkien-Werk wurde eine Begleitung für den Rest meines Schreiberlebens.

 

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