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Selbstvorstellung Rainer Skupsch

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Selbstvorstellung
Rainer S. schwätzt sich um Kopf und Kragen.

Hm, was schreibt man in einer Selbstvorstellung? Ich denke, ich halte mich mal an meine Erfahrungen mit der Science Fiction. Wie ich aufgewachsen bin und was ich alles im Leben getan bzw. nicht getan habe - glauben Sie mir, das will keiner wirklich wissen (außer vielleicht ein paar sammelwütige Geheimdienste und künftige Arbeitgeber?).
In meiner Schulzeit - vor allem in den siebziger Jahren - kam ich mit SF erst in Form verschiedener Heftserien sowie durch Mark-Brandis-Romane in Berührung (so weit, so normal in jener weit zurückliegenden Epoche). Um 1980 sagte ich Perry Rhodan Adieu. Ich war frustriert von der Diskrepanz zwischen farbenprächtigen Inhalten und gehirnerweichendem Schreibstil. Noch heute öffne ich ab und zu in Buchläden einen PR-Roman, lese eine halbe Seite und erbleiche.
Vor dreißig Jahren also begann ich die Science-Fiction-Regale meiner örtlichen Stadtbücherei zu durchstöbern und stieß schnell auf Autoren wie Ursula Le Guin, Michael Bishop, John Brunner und Jack Vance. Die ersten drei Namen beeindruckten mich sofort - und verleideten mir viel Schund, der gleichfalls auf den Büchereiregalen zu finden war. Jack Vance ist bis heute eine meiner guilty pleasures geblieben.
Ein paar Jahre später kam der Cyberpunk auf. Gleichzeitig entdeckte ich die ‚ernste’ Literatur und verabschiedete mich zum ersten Mal von der SF. Es sollte nicht der letzte Abschied werden - und nicht die letzte Rückkehr. Vielleicht ist es nach den bisherigen Sätzen für Sie nicht überraschend zu hören, dass mich und die Science Fiction eine tief gehende Hassliebe verbindet. Ich liebe es, neue SF-Bücher in der Hand zu halten und mir vorzustellen, dass dieses eine Mal wirklich tolle Literatur auf mich wartet. Jedoch, die Erfahrung hat mir gezeigt, dass Theodore Sturgeon Recht hatte, als er behauptete, 90 % von allem auf dieser Welt seien Scheiße (siehe „Sturgeon’s Law“; z. B. bei Wikipedia). Mittlerweile bin ich nicht mehr ganz jung, habe dafür aber eine ganze Menge gelesen - und fühle mich von mindestens 95 % aller Bücher gelangweilt. Selbst vieles von dem, was in unserem kleinen SF-Getto vollmundig gepriesen wird und sogar Preise erhält, lässt mich nur fassungslos zurück.

Tja, tja, tja. Was muss sich jemand denken, der meine bisherigen Ergüsse hier gelesen hat? Dass ich ein hochnäsiger Trottel bin? - Sicher. Dass ich ein unzufriedener, grummeliger alter Knilch bin? - Wahrscheinlich auch das.

Aber: Mir fällt es schwer, mir vorzustellen, dass ein denkender Mensch 2000 Bücher lesen kann, ohne sich weiterzuentwickeln. Wenn der Text eines Autors sprachlich langweilig ist und sich inhaltlich genau der Ikonographie bedient (also etwa: Roboter/Raumschiffe/KIs/VT), die seit Jahrzehnten in unserem Getto bestens eingeführt - um nicht zu sagen: ein alter Hut - ist, warum soll ich dann Zeit mit Werken dieses Autors verplempern?

Ich wiederhole mich hier gern: Für mich ist das Wichtigste an einem literarischen Text die Sprache. Oder, um es etwas gehobener mit den Worten von ZEIT-Kritikerin Iris Radisch auszudrücken:

Wer der romantischen Idee vom Künstler als Fischer im Unbekannten anhängt, hat hohe Erwartungen an die Sprache der Dichtung. Für ihn ist ein Buch nur so gut wie sein Stil. Die Sprache des Schriftstellers wünschen wir uns durchlässiger, empfänglicher und feinfühliger als das, was wir den lieben langen Tag vor uns hin reden. Die Welthaltigkeit der Romane – darin liegt ein vielfach kolportiertes Missverständnis – ist nicht eine Frage des Plots und seiner unterstellten gesellschaftlichen Bedeutung, sondern eine Frage des Stils und seiner weltaufschließenden Kraft.
[http://www.zeit.de/2010/40/Gegenwartsliteratur?page=all ]

Um ein Missverständnis zu vermeiden: Ja, ich bin frustriert, wenn mir andere Leser einreden wollen, der Zeilenschinder X sei ein guter Autor, nur weil seine Romane sich prächtig verkaufen und in flüssig lesbarer Sprache verfasst sind. Aber ich gebe mich keineswegs der Illusion hin, viele Leute bekehren zu können. Nein, geneigter Leser, schmökern Sie ruhig weiter in Ihren Vampirsex-Schnulzen. Sehen Sie unserem Mann im All weiter dabei zu, wie er (grob geschätzt) ein Mal im Monat dem Tod von der Klinge springt (ohne jemals ein posttraumatisches Belastungssyndrom zu entwickeln). Lesen Sie auch noch Band 47 Ihrer Lieblingsfantasysaga. Nur zu! Was für mich falsch ist, kann für Sie selbstredend genau das Richtige sein.
Ich vermute, Sie, lieber Leser, sind deshalb auf dieser Seite gelandet, weil Sie irgendwo hier auf Fictionfantasy eine meiner paar Rezensionen gelesen haben (?). Nun bilde ich mir ein, diese Zeilen zu verfassen, damit Sie einen besseren Eindruck davon haben, was Sie im Allgemeinen von meinen Buchbesprechungen zu erwarten haben. (Diese Behauptung ist natürlich weniger als die halbe Wahrheit, aber dass ich z. B. hochnäsig bin, erwähnte ich ja eingangs bereits.)
Vielleicht noch einige kurze Bemerkungen zu meinem Selbstverständnis als Rezensent. Ich schreibe (fast) keine Totalverrisse. Und ich schreibe wenige hymnische Lobpreisungen. Totalverrisse machen beim ersten Mal Spaß. Später jedoch fragt man sich, ob dieser Spaß nicht zu billig erkauft wurde. Nicht, dass es nicht ausreichend Schrott gäbe, der es verdient, verrissen zu werden. Aber soll ich mich wirklich stundenlang mit Schrott abplagen, nur damit ich ihn nachher hinrichten kann? - Sicher ist es vernünftiger für die eigene geistige Gesundheit, Schrott von vornherein aus dem Weg zu gehen?!
Es gibt Rezensenten, die sich vor allem als Dienstleister sehen und alles besprechen, was die Verlage ihnen zuschicken. Ächz, so etwa stelle ich mir die Hölle vor.
Natürlich bin auch ich - allen Beteuerungen zum Trotz - ein Stück weit ein Missionar, und natürlich treibt mich ein Stück weit der Geltungsdrang. Aber diese Emotionen werden, denke ich doch, abgemildert durch meinen Wunsch, ‚gute’ Literatur zu fördern. Ich könnte vielem von dem zustimmen, was Sigrid Löffler einmal auf die Frage „Was macht eine gute Kritik aus?“ antwortete:

- „Lust auf Literatur machen“;
- „immer auch Leseanleitung sein“;
- „das Urteilvermögen des Lesers schärfen“, so dessen eigene Produktivität“ anregen;
- „plausibel und nachvollziehbar sein“, dazu „die Kriterien der Beurteilung immer auch mitliefern“ und „zugleich den Leser von diesen Kriterien emanzipieren, durch Aktivierung seiner eigenen Urteilskraft“;
- in ihrem Urteil „streitbar und begründet sein“;
- einen Gegenkanon zu den gängigen Bestsellerlisten aufstellen“, „als Markt-Korrektiv wirken, indem sie vorzugsweise Bücher propagiert, die keine Massenbasis haben“;
- „die Kritikfähigkeit des Publikums gegenüber […] Marktstrategen schärfen“;
- „die eigene Bevormundungsposition gelegentlich selber in Frage stellen“.

[Entnommen aus: Stefan Neuhaus, Literaturkritik. Eine Einführung (Göttingen: UTB, 2004, S. 74. ]

Um es klar zu sagen: Ich bin nicht Sigrid Löffler. Ich bin ein Mensch, der amateurhaft und manchmal schlampig Texte zusammenschustert und dabei nur auf einen Bruchteil der Bildung und des Hintergrundwissens zurückgreifen kann, über die manche Profis verfügen. Aber jeder Mensch braucht Visionen und Utopien - als Richtschnur, um zu wissen, auf welches Ziel er zusteuern will. (Glauben Sie nicht Leuten, die Ihnen erzählen, Menschen, die Visionen haben, sollten zum Psychiater gehen - selbst wenn diese Leute früher Bundeskanzler waren.)

Es ist vollbracht! Ich bin fertig und Sie schlagen womöglich die Hände über dem Kopf zusammen. Aber bedenken Sie, selbst wenn Sie dem, was ich brabbele, so gar nichts abgewinnen können: Vielleicht verdiene ich ja ein Häppchen Achtung dafür, dass ich mich vor Ihnen hier entblöße? :-)

 

Und damit zu dem, was ich immer gern schreibe - Bücherlisten!
Falls es Sie interessiert, was mich interessiert, folgt jetzt eine unvollständige Aufzählung von Werken, die mir in den letzten etwa zehn Jahren gefallen haben. Was im 20. Jahrhundert war, lasse ich weg, weil ich meinem löcherigen Gedächtnis nicht vertraue.

Gute Bücher:
Jane Austen - Pride and Prejudice
Jane Austen - Persuasion
Julian Barnes - Vom Ende einer Geschichte (The Sense of an Ending)
Heinrich Böll - Und sagte kein einziges Wort
C. J. Cherryh - Der Biss der Schlange (Serpent’s Reach)
J. M. Coetzee - Schande (Disgrace)
Dietmar Dath - Am blinden Ufer
Dietmar Dath - Die Abschaffung der Arten
Theodor Fontane - Irrungen, Wirrungen
Ford Madox Ford - Die allertraurigste Geschichte (The Good Soldier)
Marlen Haushofer - Die Wand
Michel Houellebecq - Ausweitung der Kampfzone (Extension de la zone du lutte)
Stephen King - Das Mädchen (The Girl Who Loved Tom Gordon) [toll als ungekürztes Hörbuch]
Ursula K. LeGuin - Die Erzähler (The Telling)
Doris Lessing - Hunger (Hunger)
Ross Macdonald - (alle Lew-Archer-Romane ab:) Der Fall Galton
Patricia A. McKillip - Ombria in Shadow
Alice Munro - (Erzählungen)
Haruki Murakami - Gefährliche Geliebte (Kokkyo No Minami, Taiyo No Nishi)
V.S. Naipaul - Letters Between a Father and Son (Beeindruckend vor allem die Briefe von Naipauls Vater!)
Richard Powers - Das Echo der Erinnerung (The Echo Maker)
Richard Powers - Das größere Glück (Generosity)
José Saramago - Die Stadt der Blinden
Andrea Maria Schenkel - Kalteis
Anna Seghers - Das siebte Kreuz
Owen Sheers - Resistance
Georges Simenon - Betty (Betty)
Peter Straub - Wenn du wüßtest ... (If You Could See Me Now)
Arkadi & Boris Strugatzki - Picknick am Wegesrand (Picknick na obotschine)
Italo Svevo - Zeno Cosini (La coscienza di Zeno)
Anne Tyler - Kleine Abschiede (Ladder of Years)
Anne Tyler - Engel gesucht (A Patchwork Planet)
Anne Tyler - Damals als wir erwachsen waren (Back When We Were Grownups)
John Updike - Wie war's wirklich (Licks of Love)
William Carlos Williams - Die Worte, die Worte, die Worte (oder irgendwas anderes)

Bücher, die einfach Spaß machen:
Kingsley Amis - Der grüne Mann (The Green Man)
Edward Bellamy - Looking Backward 2000 to 1887
Charles Bukowski - Der Mann mit der Ledertasche (Post Office)
Terry Carr - Cirque (Cirque)
Michael G. Coney - Flut (Syzygy)
Michael G. Coney - Charisma (Charisma)
Philip K. Dick - Der galaktische Topfheiler (Galactic Pot-Healer)
Nick Hornby - High Fidelity
Nick Hornby - About a Boy (Aber Vorsicht: Vieles von Hornby gehört zu den 90 % Scheiße!)
Jack London - Die glücklichen Inseln
Patricia A. McKillip - Winterrose (Winter Rose)
Patrick O’Brian - (Einfach bei Band 1 der Aubrey-Maturin-Romane anfangen!)
Terry Pratchett - Helle Barden (Men at Arms)
Pamela Sargent - Das Ufer der Frauen (The Shore of Women)
Josef Škvorecký - Eine prima Saison (Prima sezóna)
Sydney J. van Scyoc - Auftrag: Nor’Dyren (Assignment Nor’Dyren)
Jack Vance - Die Alastor-Trilogie
Juli Zeh - Corpus Delicti

Jugendbücher
Charles Bukowski - Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend
Diana Wynne Jones - Sophie im Schloss des Zauberers (Howl’s Moving Castle)
Phyllis Reynolds Naylor - Holly Finn im Haus der Schatten (Witch’s Sister)
Joyce Carol Oates - Mit offenen Augen. Die Geschichte von Freaky Green Eyes (Freaky Green Eyes)
Joyce Carol Oates - Unter Verdacht. Die Geschichte von Big Mouth and Ugly Girl (Big Mouth & Ugly Girl)
Sue Townsend - The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13 ¾
Jacqueline Wilson - Aprilscherze und andere Katastrophen (Dustbin Baby)

Bücher, die mich vorwurfsvoll aus dem Buchregal anstarren:
(Viel zu viele. Darum nur die wichtigsten neben Dostojewski und Tolstoj:)
Nicola Barker - Darkmans
Charles Dickens - Bleak House (in der deutschen Übersetzung von Gustav Meyrink)
George Eliot - Middlemarch
Jean Paul - Der Titan
Thomas Pynchon - Die Enden der Parabel (Gravity’s Rainbow)

Phantast

 

PHANTAST ist das kostenlose, gemeinsame Online Magazin von fictionfantasy.de und www.literatopia.de das ca. dreimal pro Jahr erscheint. Wie der Name schon sagt, dreht es sich um die Phantastik in all ihren Ausprägungen. Ob Fantasy, Science Fiction, Horror oder wilde Genremixe - im PHANTAST soll alles vertreten sein!
Für jede Ausgabe gibt es einen Themenschwerpunkt, nach dem sich die Artikel und Rezensionen richten.

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