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Ära der Drachen - Schattenreiter

Bewertung: 5 / 5

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Genre: Fantasy / Dystopie
Titel: Ära der Drachen - Schattenreiter
Autor: Gesa Schwartz
Daten: Egmont Lyx (April 2016), Hardcover mit Schutzumschlag, 736 Seiten, 19,99 EUR, ISBN: 978-3736301863

Eine Rezension von Judith Madera (Weitere Rezensionen von Judith Madera findet ihr hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Website www.literatopia.de)

”Die Ära der Menschen ist vorbei … dies ist die Ära der Drachen.” (Seite 22)

Die Diebin Sira lebt in den alten Tunneln unter New York, das im Drachenkrieg nahezu vollständig zerstört wurde. Die Skelette der Wolkenkratzer ragen in einen brennenden Himmel und ohne Atemmaske können die Menschen überirdisch nicht überleben. Sira kann jedoch auch ohne Maske atmen – ein Vorteil bei ihren Diebeszügen, auf denen sie Pfannen, Schmuck und Drachenkristalle erbeutet. Als sie einen tiefblauen, besonders reinen Kristall findet, ist sie ihrem Traum, die Enklave zu verlassen und in die Wildnis aufzubrechen, einen großen Schritt näher, doch ein Angriff der königlichen Drachenreiter zerstört ihre Pläne. Sira wird, wieder einmal, zur Flucht gezwungen und schließt sich den Schattenreitern unter der Führung des Sturmkriegers Norik an. Denn Sira will ebenfalls eine Kriegerin der Schatten werden, um Rache zu üben für all jene, die sie durch die Drachen verloren hat. Dabei muss sie erkennen, dass nicht alle Drachen ihre Feinde sind …

Ära der Drachen spielt in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der Menschen und Drachen zunächst friedlich zusammenlebten und letztlich von einem grausamen Krieg zerrissen wurden. Nun herrscht ein brutaler König über die Welt und stürzt sie mit seinem goldenen Feuer in Verzweiflung. Drachen kämpfen gegen Drachen und Menschen gegen Menschen. Die dunkle Welt, die Gesa Schwartz in glühenden Farben zeichnet, kann man als Dystopie bezeichnen, wobei die Fantasyelemente stark überwiegen. Die Magie und ihre Wunder überlagern die triste Zukunftskulisse, sodass die „Ära der Drachen“ wie eine verstörende Parallelwelt wirkt. Die Erde hat sich durch den Drachenkrieg so stark verändert, dass nur wenig an die einstige Zivilisation erinnert. Neben den Gerippen der Wolkenkratzer in New York erinnern nur ausgebrannte Autowracks an die Errungenschaften der Menschheit.

Sira gehört zu jenen, die sich unter den Trümmern New Yorks vor den Drachen verstecken, und behauptet sich als einzige Frau unter Dieben. Doch all ihre Verschlagenheit bewahrt sie nicht vor dem verheerenden Angriff der Königsreiter. Die Diebin ist gezwungen, eine Kriegerin zu werden, und wieder muss sie sich auf dem Terrain der Männer behaupten. Noch nie wurde eine Frau zur Kriegerin der Schatten ausgebildet, doch Siras Zorn und Leidenschaft ermöglichen ihr das schier Unmögliche. Auf ihrem Weg muss sie sich gegen Vorurteile behaupten und ihre eigenen überwinden, sie muss sich ihren Ängsten stellen und strauchelt immer wieder im Angesicht der Schrecken ihrer Reise. Doch sie steht auch immer wieder auf und legt auf den über siebenhundert Seiten eine beachtliche Entwicklung hin.

Mühsam erkämpft sie sich den Respekt der Schattenkrieger, wobei nicht alle spöttisch auf sie herabschauen. Norik, der Sturmreiter und Anführer der Gilde der Schatten, erkennt ihr Potential und unterstützt sie, wenn auch oftmals versteckt. Siras Mut beeindruckt ihn zutiefst und er kann ihren Schmerz nachvollziehen. Auch er hat geliebte Menschen im Feuer der Drachen verloren, trotzdem gehören Drachen zu seinen wertvollsten Verbündeten. Denn nicht alle von ihnen gehorchen dem König. So wie die Drachendame Rhorka, die Noriks Kampfgefährtin ist. Die beiden sind eng miteinander verbunden und Rhorka ist lange Zeit die einzige, die Noriks dunkelste Gedanken kennt. Der junge Krieger verzweifelt an der Grausamkeit des Krieges, denn obwohl er sich immer wieder den Schergen des Königs entgegenstellt, kann er nicht verhindern, dass Menschen sterben. Aus diesem Grund stößt er auch Sira immer wieder von sich, obwohl zwischen ihnen eine zerbrechliche Nähe entsteht.

Gesa Schwartz beeindruckt auch in Ära der Drachen mit ihrer kunstvollen Sprache, bei der sich selbst verschachtelte Sätze mit einer Leichtigkeit lesen lassen, die man selten sieht. Die Seiten fliegen nur so dahin, die Bilder greifen ineinander und zeichnen auch dieses Mal eine magische, verstörend schöne und düstere Welt, der man sich kaum entziehen kann. Dynamische Kampfszenen wechseln sich mit Traumsequenzen und Momenten der Ruhe und der tiefgreifenden Gespräche ab und dazwischen bleibt auch Zeit für Geplänkel und Alltag. Die Protagonisten und auch viele Nebencharaktere sind dem Leser sehr nah, wobei die Autorin sich manches Mal zu sehr in den Erinnerungen und Ängsten ihrer Figuren verliert. Während man intensiv in die Gedanken- und Gefühlswelt der Charaktere eintaucht, muss man aufpassen, dass man keine wichtigen Informationen verpasst.

Wer Gesa Schwartz kennt und schätzt, wird in Ära der Drachen einige Parallelen zu ihren früheren Werken erkennen, da wieder der Zauber der Schatten im Mittelpunkt steht sowie die Zwischentöne zwischen Licht und Finsternis. Der Verlauf der Handlung erinnert anfangs deutlich an Die Chroniken der Schattenwelt (die bislang beste Trilogie der Autorin), was ein wenig die Spannung nimmt, denn wer Gesa Schwartz kennt, weiß in etwa, wie der Weg ihrer Protagonistin aussehen muss. In den Details stecken viele frische Ideen, doch in groben Zügen scheint der Verlauf vorgezeichnet und so manch schmerzliche Wendung kann man erahnen, auch wenn man hofft, dass Gesa Schwartz Gnade walten lässt. Doch Gnade hat in dieser finsteren Zukunft keinen Platz.

Auch wenn es Ähnlichkeiten zu früheren Romanen gibt und auch wenn der Schreibstil einer Gesa Schwartz für manchen Geschmack zu ausschweifend sein mag, so muss man auch dieses Mal die Komplexität ihres Werkes würdigen. Zwischen den Charakteren gibt es viele Verbindungen, die letztlich ausschlaggebend für den Verlauf der Geschichte sind. Auf jeder Seite spürt man zudem die Hingabe der Autorin zu ihrer Geschichte und zu ihren Figuren, die einem so sehr ans Herz wachsen, dass die letzte Seite wehtut, wobei sich abzeichnet, dass die letzte Schlacht noch nicht geschlagen ist. Immerhin kann man sich damit trösten, dass Ära der Drachen wieder als schmuckes Hardcover (samt Lesebändchen) erschienen ist, auch wenn die Coverillustration den Zauber dieses Werkes nicht einzufangen vermag. Sie wirkt schlicht zu grob für die finstere Schönheit der Drachen.

“Ich erwarte nicht, dass du mir dankbar für dein Leben bist (…) Ich erwarte, dass du dir selbst dankbar bist. Dankbar für deinen Schmerz, deinen Zorn, deine Leidenschaft, dankbar für deinen Willen (…) – dankbar für alles in dir, das menschlich ist.“ (Seite 645)


Fazit

Die Ära der Drachen ist erbarmungslos und gefährlich für all jene, die sich nach Freiheit sehnen und nicht dem König des goldenen Feuers folgen. Sira ist in der Grausamkeit des Krieges aufgewachsen und die Erkenntnis, dass nicht alle Drachen barbarische Kreaturen sind, verändert ihr Schicksal. Schattenreiter besticht vor allem mit seiner düsteren, magischen Atmosphäre, die zwischen Hoffnungslosigkeit und Verzauberung changiert – und natürlich mit seinen majestätischen Drachen, die ebenso facettenreich wie die Menschen in diesem Buch sind. Fantasy von solcher Qualität bekommt man selten geboten.

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