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Die letzten und die ersten Menschen

Bewertung: 5 / 5

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Genre: Science Fiction
Titel: Die ersten und die letzten Menschen
Originaltitel: Last and First Men
Autor: Olaf Stapledon
Daten: Piper (Oktober 2015), Hardcover mit Schutzumschlag, 463 Seiten, 25,00 EUR, ISBN: 978-3492703628

Eine Rezension von Judith Madera (Weitere Rezensionen von Judith Madera findet ihr hier auf fictionfantasy oder auf ihrer Website www.literatopia.de)

“Groß sind die Sterne, und der Mensch bedeutet ihnen nichts.“ (Seite 452)

Olaf Stapledons „Die letzten und die ersten Menschen“ war bereits 1930 ein visionäres Meisterwerk und ist dies auch heute noch. In seinem Roman, der sich wie ein phantastisches Geschichtsbuch der Zukunft liest, deckt er den unfassbar großen Zeitraum von 2 Milliarden Jahren Menschheitsgeschichte ab. Kulturen erheben sich und vergehen, Zeiten des Krieges und des Friedens wechseln sich ab und kaum ist der erste Weltstaat errichtet, stürzt die Zivilisation in ein dunkles Zeitalter, aus dem schließlich ein neuer Mensch hervorgeht und die Erde von Neuem bevölkert, bis die nächste Katastrophe hereinbricht. Immer wieder steht der Mensch kurz vor seiner Vernichtung und der Titel deutet bereits an, dass der Kreislauf aus Fortschritt und Niedergang ein jähes Ende finden wird. Trotzdem ist „Die letzten und die ersten Menschen“ ein positives und hoffnungsvolles Buch.

Zu Beginn der Geschichte, die von einem Erzähler aus der Zeit Stapledons verfasst, in Wahrheit aber diesem von einem der letzten Menschen eingegeben wurde, wird die Entwicklung der Menschheit ab dem 20. Jahrhundert nachvollzogen. Kriege werden beschrieben, die so nie stattgefunden haben, aber damals denkbar waren und deren Ausmaße der damaligen Wirklichkeit erschreckend nahe kommen. Vieles, was in den ersten Kapiteln geschildert wird, erscheint beinahe prophetisch, wie beispielsweise die Amerikanisierung der Welt. Doch wie Klaus N. Frick im Nachwort erklärt, handelt es sich keineswegs um eine Voraussage, sondern um eine auf der Lebenserfahrung des Autors basierenden Projektion damals aktueller Ereignisse in die Zukunft.

Während die ersten Kapitel bis zur Entstehung des ersten Weltstaates noch relativ leicht nachvollziehbar sind, wird der Roman ab dem Aufstieg des zweiten Menschen zunehmend phantastischer. Die Zeitsprünge werden gleichzeitig größer und je weiter die Menschheit sich vom ersten Menschen entfernt, umso gröber umreist der fiktive Erzähler die Ereignisse, die die Kulturen der Zukunft prägen. Der zweite Mensch erscheint wie eine verbesserte Version des ersten, mit einem robusteren Körper und einer höheren emotionalen Intelligenz. Dieser neue Mensch hat ein für uns kaum zu begreifendes Verständnis für die belebte Natur und wirkt mit seiner friedfertigen, erhabenen Art wie das Idealbild des Menschen. Dennoch wird auch der zweite Mensch vom Antlitz der Erde verschwinden.

Verheerende Kriege und Naturkatastrophen setzen dem Menschen zu und zwingen ihn zu Veränderungen. Im Folgenden beschreibt Stapledon zukünftige Menschenarten, die ihren tierischen Vorfahren wieder mehr ähneln, die um ein vielfaches größer sind als der heutige Mensch oder die gar fliegen können. Besonders phantastisch erscheint die letzte Art der Menschen, die beispielsweise ein Auge auf dem Kopf haben, mit dem sie in die Weite des Universums hinausblicken können. Anfangs formt noch die natürliche Evolution den Menschen, später erschafft er sich und seine Nachkommen hingegen selbst (mittels Gentechnologie). Er ist gezwungen, die Erde zu verlassen und lebt zeitweise auf der Venus. Kosmische Ereignisse und der innere Drang zur Vollkommenheit zwingen die Menschheit dazu, sich immer wieder selbst neu zu erfinden.

Als Leser kann man nur über die Ideenvielfalt Stapledons nur staunen. Auch wenn so manches Mal die Phantasie mit ihm durchgegangen scheint, so beweist der Autor doch ein umfassendes Verständnis evolutionärer Vorgänge wie es die meisten Menschen heute nicht haben. Stapledon zeigt eindrucksvoll, dass in der Evolution nicht die Stärksten überleben, sondern jene, die am besten angepasst sind – und vor allem jene, die Glück hatten. Denn oftmals ist es einzig der Zufall, der darüber entscheidet, ob eine Art ausstirbt oder überlebt. In den 2 Milliarden Jahren Geschichte steht auch die Menschheit oftmals vor ihrer völligen Auslöschung. Zum Beispiel durch Marswesen, die völlig anderes konzipiert sind als die Lebewesen der Erde. Stapledon denkt in Dimensionen, die schwer zu erfassen, aber in diesem Buch intuitiv zu verstehen sind.

Irgendwann ist es dem Menschen gar möglich, gedanklich in der Zeit zurückzureisen und die Menschheitsgeschichte zu betrachten, die wie eine unvermeidliche Aneinanderreihung von Leid und Verderben erscheint. Und wie diesen zukünftigen Menschen mag es auch dem Leser erscheinen, als wäre der Mensch eine grausame Kreatur und das Universum ein finsterer Ort. Stapledon gelingt es, das Gefühl, nur ein Staubkorn in der endlosen Weite des Kosmos zu sein, eindringlich zu vermitteln. Trotz all der Katastrophen in diesem Buch verspürt man dennoch auch ein Gefühl der Hoffnung, denn obwohl der Mensch immer wieder zurückgeworfen wird, so ist seine Entwicklung eine Positive. Er erreicht viele seiner Träume und hat letztlich gelernt, die Schönheit des Lebens und des Universums zu erkennen, wodurch sein Ende weniger schmerzlich erscheint.

“Die letzten und die ersten Menschen“ ist als schicke Hardcoverausgabe mit einem transparenten Schutzumschlag erschienen. Das Hardcover selbst ist mit einem Motiv der Erde inmitten der Sterne bedruckt. Dazu gibt es ein schwarzes Lesebändchen. Die Verarbeitung ist hochwertig und im Anhang finden sich die Zeittafeln, die Stapledon für diese Geschichte erstellt hat und die nochmals eindrucksvoll zeigen, wie vielgestaltig und gleichzeitig unbedeutend die Menschheitsgeschichte ist.

“Es war sehr gut, ein Mensch sein zu dürfen. So können wir denn mit einem lachenden Herzen und einer inneren Ruhe gemeinsam unseren Weg weitergehen, dankbar gegenüber der Vergangenheit und gegenüber unserem eigenen Mut. Denn wir selbst sind ein gutes Finale für jene kurze Musik, die im Schicksal der Menschheit zum Erklingen kam.“ (Seite 453)


Fazit

“Die letzten und die ersten Menschen“ ist eine phantastische Reise in die Zukunft der Menschheit, die in der Zeit der Entstehung dieses Romans visionär war und in ihrer Grundidee auch heute noch ist. Stapledon hat ein umfassendes Verständnis für die Prinzipien der Evolution und eine beeindruckende Phantasie, die diese Prinzipien für den Leser greifbar macht. Dieses Buch steckt voller Momente des Leidens, des Staunens und der Ehrfurcht vor dem Leben und dem Universum, in dem wir alle nur Staubkörner sind.

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