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Nebelmacher

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Titel: Nebelmacher
Autor: Bernhard Trecksel
Buch/Verlagsdaten: Blanvalet Taschenbuch Verlag, Juni 2015, broschiert, 512 Seiten, ISBN-13: 978-3734160325, 13,99€


Eine Rezension von Gloria H. Manderfeld
(weitere Rezensionen auf fictionfantasy finden Sie hier oder auf ihrem Blog "Nerd-Gedanken")


Clach ist weit und breit der Beste seines Faches. Wenn er einen Auftrag erhält, ist der Tod der Zielperson eine sichere Sache. Deswegen trägt Clach den Spitznamen »Totenkaiser«. Im Namen der Totengöttin Sharis entgeht niemand seinen Klingen oder Giften – und wenn in der düsteren Welt, in der Clach sein Unwesen treibt, ein Nebelmacher wie der Totenkaiser ein Leben nimmt, so entreißt er seinem Opfer mittels düsterer Rituale auch seine Seele. Seltsam nur, dass die junge Adelige Parvosa noch immer am Leben ist, nachdem Clach sie eigentlich weisungsgemäß getötet hatte. Als er sich hilfesuchend an den Tempel seiner Göttin wendet, findet er schnell heraus, dass seine Tötungen gar nicht sanktioniert waren und er somit gegen den Kult gehandelt hat.
Und nicht genug, der Inquisitor Greskegard, welcher seit zehn Jahren auf der Spur Clachs ist, beginnt langsam Boden gut zu machen und rückt dem verwirrten Meuchler immer näher, dessen Ergreifung er sich zum Lebensziel gesetzt hat.

Andernorts muss der gealterte Barbarenkrieger Ormgair einen schweren Verlust hinnehmen – leichtsinnig hatte er versucht, einem feindlichen Stamm beizukommen und geriet in deren Gefangenschaft. Nachdem die Feinde von Ormgair erfahren haben, wo sich sein eigener Stamm derzeit befindet, fallen sie mordend und plündernd über diesen her. Obwohl sich der greise Krieger befreien konnte, kommt er zu spät, es bleibt ihm nur der unbändige Wunsch nach Rache – diese führt ihn nach Fomor, jener Stadt unter der Kuppel, in welcher auch Clach nach Antworten sucht...
Die junge Templerin Morven indes vergeigt gerade ihren ersten Auftrag kolossal, da der Mann, zu dessen Schutz sie eingeteilt ist, vor ihren Augen ermordet wird. Besonders pikant ist, dass Morven aus der mächtigsten Familie der Stadt stammt und der Tote einer der politischen Gegner ihres Vaters ist. Doch als sie auf eigene Faust zu ermitteln versucht, gerät sie in tödliche Gefahr …


Eine düstere Welt, ein meisterhafter Assassine, der zudem noch echte Probleme hat? Die Kombination klang für mich sehr verlockend, also musste »Nebelmacher« her. Allerdings ist mein Rückblick auf den Erstling von Bernhard Trecksel mehr als zwiespältig. Der grundlegende Weltentwurf ist mal etwas ganz anderes – nach einem verheerenden Kampf zwischen Titanen und Göttern, bei welchen die Titanen anscheinend unterlegen waren, ist die Welt von düsterem Nebel beseelt und die Menschen schützen ihre Städte mit arkanistischen Kuppeln, um ein klein wenig Sonnenschein zu erhaschen.
Inquisitoren wachen im Auftrag der Herrschenden darüber, dass keine wahre Magik gewirkt wird, Meuchler drücken sich in den Schatten umher und erledigen die schmutzige Arbeit für den ränkeschmiedenden Adel. Mittelalterfantasy auf die dreckige Art, auch die Orts- und Szenenbeschreibungen Trecksels lassen schnell ein interessantes Bild vor den Augen des Lesers entstehen und geben einen lebendigen Eindruck der bedienten Welt.

So weit, so farbig – allein die vier Haupthelden der Geschichte erweisen sich als recht sperrig. Clach mit seinem übersteigerten Ego ist zunächst ein eher mühsam zu lesender Geselle, der erst an Tiefe gewinnt, als er richtig in Schwierigkeiten gerät. Der von seiner Jagd nach Clach besessene Inquisitor Gerskegard und sein barbarischstämmiger Handlanger Sanftleben sind da ein unterhaltsameres Duo, auch wenn Greskegards Art, sich zunächst zu verstellen, um vermeintliche Zeugen oder Opfer in Sicherheit zu wiegen, recht schnell aufgesetzt und nervig wirkt. Neben der übermäßig bedienten Gerissenheit des Inquisitors normalen Menschen gegenüber wirkt Clach, der ihm seit zehn Jahren immer wieder entwischt, nur noch überhöhter und damit weit über den Grenzen normaler Charaktere hinaus.

Die Last des Alters, welche Ormgair zu Boden zieht, wird vom Autor gut beschrieben, auch seine einfachere Sicht der Welt, die sich auf einen ehrenvollen Tod im Kampf, seine Stammessitten und den Kampf allgemein bezieht, wirkt überzeugend – aber im Gegensatz zur pulsierenden Metropole Fomor ist Ormgair dermaßen lange in der Wildnis unterwegs, fällt von einem Schmerz in den anderen, dass es lange gedauert hat, bis ich die ihn betreffenden Kapitel mit Genuss lesen konnte.
Morven, welche als hübsche, lichte Tempelritterin wohl den deutlichsten Kontrast zu den drei anderen Persönlichkeiten darstellt, durchläuft durch äußere Einflüsse wohl die rasanteste und grausamste Entwicklung, bei der ihr der Autor wirklich gar nichts erspart, was einer Kriegerin unter Feinden so alles passieren kann. Lieber Bernhard Trecksel, ich kann gut verstehen, dass man Helden drastischen Gefahren aussetzen muss, um sie reifen zu lassen und eine Entwicklung zu forcieren. Aber das V-Thema ist bereits seit George R.R.Martin und Ken Follett dermaßen ausgelutscht und häufig bedient worden, dass es zu einem Klischee verkommen ist. Können sich männliche Autoren im Bezug auf geschundene Frauen nicht endlich mal etwas Neues einfallen lassen? Denn eigentlich hätte gerade Morven sehr viel mehr Potential gehabt als langfristig nur zur billigen Motivationsbringerin für Ormgair zu mutieren.

Auch die verwendete Sprache lässt mich einerseits genüsslich die entstehenden Bilder delektieren, andererseits allerdings wegen der extrem hohen Metapherdichte fast verzweifeln. Manches Mal wäre sehr viel weniger besser gewesen, man muss nicht zwingend jedes kleinste Bisschen an Schmerzempfindung absätzelang beschreiben, vor allem, wenn die handelnde Person immer und immer wieder in derselben Situation steckt. Bernhard Trecksel gebührt wohl ein Preis für besonders bildhaft und farbenfroh lyrisch beschriebener Todesmomente, doch in ihrer gehäuften Ballung stumpft die schiere Schönheit der Sprache schnell ab und man beginnt, diese Zeilen schneller zu lesen oder zu überlesen. Nach dem dritten oder vierten Kapitel, das hauptsächlich Schmerz- und Kampfszenen zum Inhalt hat, nutzt sich auch der Kunstgriff verschiedener Blickwinkel auf das Geschehen ziemlich ab und macht es schwer, bis zum Ende der Erzählung durchzuhalten.

Dabei kann der Autor schreiben und Intrigen, politische Winkelzüge sowie Überraschendes dem Leser bieten. Trecksel stellt dies im letzten Viertel des Romanes endlich unter Beweis, als die verschiedenen Handlungsfäden endlich zusammengeführt und miteinander verwoben werden. Ab da hätte ich mir definitiv mehr Kapitel gewünscht, während die ersten drei Viertel der Erzählung teils recht mühsam und wegen der immer gleichen Inhalte (Held tötet Gegner dutzendfach) zäh zu lesen waren. Es steht zu hoffen, dass in folgenden Bänden mehr Gewicht auf abwechslungsreicherer Handlung liegt, damit Leser die Abenteuer der sehr unterschiedlichen Helden mit mehr Vergnügen folgen können. Mehr Einblicke in die vom Nebel beherrschte Welt wären auf jeden Fall wünschenswert, da dort sicher noch einige spannende Ereignisse und Details lauern.

Fazit: Zwiespältiges Debut in einer schmutzigen Mittelalterfantasywelt, bei dem vier sehr unterschiedliche Helden ihren Weg finden müssen. Fünf von zehn möglichen Punkten.

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