Alice Cooper – Die letzte Versuchung

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Titel: Alice Cooper – Die letzte Versuchung
Originaltitel: The Last Temptation
Autor: Neil Gaiman
Illustrator: Michael Zulli
Übersetzer: Gerlinde Althoff
Lettering: Fabio Ciacci
Ausstattung: HC, 108 Seiten, s/w
Verlag: Panini Comics (2010), ISBN: 978-3-86607-934-2

Eine Besprechung / Rezension von Frank Drehmel
(weitere Rezensionen von Frank Drehmel auf fictionfantasy findet man hier)

Alice Cooper? Ist das nicht die schlecht geschminkte alte Frau aus der SATURN-Werbung?
Ja … oder, vielmehr, nein!
Cooper ist kein Weibsbild, sondern war ab den frühen 70ern des letzten Jahrhunderts ein echt angesagter Rockstar, der zwar nie zu den Giganten des Genres gehörte, der aber als veritabler Scheinriese gerade auch im Bereich der Bühnenshows und seiner eigenen modischen Inszenierung für viele Leute zumindest kurzfristig Stil bildend war und insofern als Rockmusik-Ikone angesehen werden darf.
Diesem Musiker, bei dem echte Person und Kunstfigur zeitweilig fließend ineinander übergehen, widmen nun Neil Gaiman und Michael Zulli auf Betreiben Bob Pfeifers von Epic Records eine Geschichte voller düsterer Mystik, in der Alice zwar nicht explizit als er selbst auftritt, deren Hauptprotagonist aber eindeutig seine Züge trägt und sein künstlerisches Image bedient.

Der Tag vor Halloween! In einem kleinen Ort ziehen vier Jugendliche durch die Straßen der Stadt, die Zeit mit dem Erzählen unheimlicher Geschichten totschlagend. Plötzlich stehen sie vor einer schmalen Gasse, die scheinbar aus dem Nichts auftaucht und zu einem Theater führt, dem "Theater der Realität", dem größten Guignoli – einer Art Puppenspiel. Doch nur einer der vier Freunde – der eher ängstliche Steven - erhält von dem düster geschminkten Conférencier vor dem Eingang eine Eintrittskarte. Um nicht vor seinen Freunde als furchtsam dazustehen, betritt der Junge trotz seiner Bedenken das unheimliche Gebäude und findet sich als scheinbar einziger Gast in einem großen, antiquierten und moderigen Theatersaal wieder, um einer bizarren Vorstellung beizuwohnen, in der ihm sein mutmaßliches zukünftiges Leben vor Augen geführt wird.
Diese Inszenierung ist so beklemmend, dass der Junge vor dem großen Finale, verängstigt und irritiert durch das, was man ihm zeigt, das Etablissement umgehend verlässt, nicht ohne vom dem morbiden Ansager die Drohung erhalten zu haben, er bleibe in Stevens Nähe.
Tatsächlich suchen in den nächsten Stunden und am nächsten Tag Träume und Visionen den Jungen in seinem alltäglichen Leben heim, sodass er freiwillig in das Guignoli zurückkehrt. Hier schlägt ihm der düstere Mann einen Handel vor: ewige Jugend, wenn Steven nur dem unheimlichen Ensemble des Hauses beitritt. Der Junge, der zuvor über die historischen Wurzeln dieses besonderen Theaters recherchiert hat, lehnt dankend ab und zieht dadurch den Zorn desjenigen auf sich, der sich hinter der Maske des Conférenciers verbirgt.

Mit "Die letzte Versuchung" stellt Neil Gaiman – einmal mehr - unter Beweis, dass er selbst aus relativ profanem Stoff, aus Motiven, Bildern, Figuren, Szenen, denen nahezu jeder Leser irgendwann begegnete, eine in sich stimmige, atmosphärisch dichte und spannende Geschichte zaubern kann, eine Geschichte, in der Bekanntes durch kleine Variationen in der Perspektive, das Einflechten bedeutungsschwangerer Dialoge, Begriffe und Momente zu etwas Spannendem, zu etwas Neuem wird.
Anders, als es der Titel befürchten lässt - und anders, als in solchen Star-Comics üblich - ist das vorliegende Album keine Eloge auf einen alten Mann des Rockgeschäfts - ja, der Name Alice Cooper findet außer im umfangreichen Vorwort nicht einmal Erwähnung -, sondern stellt alleine auf Grund des Erscheinungsbildes und des Habitus von Stevens Versucher eine Art dunkler Reminiszenz an den Interpreten solch vielsagender Songs wie "I Love the Dead" (… nicht sein bekanntester, aber einer der inhaltlich fragwürdigeren).

Ohne das exzellente Schwarzweiß-Artwork Michael Zullis würde Gaimans Geschichte allerdings viel von ihrem märchenhaften Charme und der düsteren Atmosphäre einbüßen. Zullis - mutmaßliche - Feder- bzw. Rapidograph-Zeichnungen pendeln zwischen luftig-leicht, mit diffizilen, akkuraten, zurückhaltenden Schraffuren und knapp umrissenen Formen auf der einen Seite und deutlichen Kontrasten, explizit ausgearbeiteten Bildelementen sowie mutig-wilden Schraffuren und Konturen auf der anderen Seite hin und her. Mit Liebe zum Detail und gleichermaßen Mut zur Andeutung komponierte Bilder, abwechslungsreiche Perspektiven und ein lebhaftes Hell-Dunkel-Spiel schaffen eine unbestimmt-mystische Atmosphäre, eine Art durchscheinenden Vorhang, hinter dem Vertrautes leicht fremd wirkt.

Fazit: eine 'typische' Gaiman-Geschichte: leicht erzählt, voller Mystik und trotz des Rückgriffs auf fast schon klassische Bilder und Figuren von der ersten Seite an verzaubernd. Kongenial visualisiert von einem der ganz großen amerikanischen Zeichner des phantastischen, märchenhaften Comics. Nicht nur für gealterte Cooper-Fans eine unbedingte Empfehlung.

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