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Interviews

Interview mit Herbert W. Franke

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Ein Interview mit Herbert W. Franke


Das Interview führte Erik Schreiber, die Bio- und Bibliographie des Autors findet man hier.

Erik Schreiber:
Vielen Dank Herr Franke, dass sie mir die Gelegenheit geben, ihnen ein paar Fragen stellen zu dürfen. Hinter ihnen liegt ein langes Leben, in denen sie als Kybernetiker (wenn ich das so sagen darf), Höhlenforscher, Herausgeber und Autor tätig waren. Wenn sie zurückblicken, wie würden Sie ihren Beruf nennen und welche der Tätigkeiten haben sie am liebsten ausgeführt?

Herbert W. Franke:
Offiziell gelte ich als Schriftsteller, und das ist auch der Beruf, der mich ernährt. Ich habe ihn gewählt, weil er mir Gelegenheit gibt, freiberuflich zu arbeiten und meine Zeit so einzuteilen, dass mir auch etwas Zeit für meine weiteren Interessensgebiete bleibt, beispielsweise die von Ihnen genannten: Computerkunst und Höhlenforschung.

Erik Schreiber:
Mein Hauptaugenmerk liegt auf der Phantastik. Und in Anbetracht dessen, dass ich knapp halb so alt bin wie Sie, habe ich eine andere Sicht. Sie lasen in ihrer Jugend Sun Koh, ich Perry Rhodan. Wie beurteilen sie beide Serien?

Herbert W. Franke:
In beiden Fällen handelt es sich um solche, die in der Zukunft angesiedelt sind und phantastische Abenteuer beschreiben. Und in beiden spielen Helden die Hauptrollen, die für junge Menschen eine Vorbildfunktion haben. Vielleicht war es bei mir der Krieg, der mich an Helden und ihrer Omnipotenz zweifeln ließ. Sie eignen sich nicht als Vorbilder. Das war sicher einer der Gründe dafür, dass ich mich von diesen Serien abwandte und dass in meinen eigenen Geschichten keine solchen Helden vorkommen.

Erik Schreiber:
In beiden Serien wird über die abenteuerlichen Geschichten die vorherrschende Politik der jeweiligen Zeit verteidigt und weitergeführt. Wie beurteilen sie die politischen Einflüsse in der Phantastik?

Herbert W. Franke:
Ich vermute, Sie sprechen nicht von Parteipolitik, sondern von den großen, in der technischen Welt neu auftretenden Problemen, die die Menschheit zu lösen hat. Es gibt eine ganze Reihe von Science-Fiction-Romanen, die damit verbundene Situationen aufgreifen und den Leser zum Nachdenken bringen. Auf der anderen Seite geht es in vielen Büchern und Filmen, nicht zuletzt auch in den Serien, um Konflikte, die eigentlich nichts anderes sind als die uralten Streitigkeiten zwischen Menschen und Menschengruppen; nur finden sie in phantastischen, angeblich utopischen Schauplätzen statt. Auch so etwas kann gut geschrieben und spannend sein, aber der mangelnde Realitätsgehalt begann mich bald zu stören.

Erik Schreiber:
In ihren Romanen thematisierten sie auch die Manipulation des Menschen. Welches Ziel hatten Sie damals und haben Sie es heute erreicht?

Herbert W. Franke:
Die politische Situation, in die ichin meiner Jugend hineingeraten war, hat mich mehrere Arten der Manipulation kennen lernen lassen: von der Gesinnungskontrolle bis zum physischen Zwang. Da ich das als unerträglich empfand, habe ich viel darüber nachgedacht, wie man sich als Betroffener dagegen wehren könnte. Das ist wohl der Grund dafür, dass ich solche Situationen immer wieder aufgegriffen und literarisch zu verarbeiten versucht habe. Vielleicht konnte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, meine Leser gegenüber allen offenen und versteckten Versuchen der Manipulation zu sensibilisieren.

Erik Schreiber:
Sie sind Computerwissenschaftler. Wie beurteilen sie die Manipulation von künstlicher Intelligenz und im Rückschluss darauf die Manipulation durch künstliche Intelligenz?

Herbert W. Franke:
Die Stufe der künstlichen Intelligenz haben wir noch lange nicht erreicht, aber es zeichnen sich Wege ab, wie man sie erreichen kann, und ich bin der Meinung, dass es in einigen Generationen so weit ist. Es käme damit zur einmaligen Situation, dass es der Mensch mit einem völlig anders gearteten intelligenten System zu tun hätte. In dieser Situation würde der Begriff der ‚Manipulation’ neue Dimensionen gewinnen. Und damit meine ich weniger eine Auseinandersetzung um Leben und Tod als eine Rückentwicklung des Menschen unter dem Einfluss einer Instanz, die ihn unbarmherzig zu betreuen und zu schützen versucht.

Erik Schreiber:
In dem Roman von Isaac Asimov, I Robot, werden die drei von Asimov genannten Robotergesetze so umgesetzt, dass die künstliche Intelligenz den Menschen ganz bevormundet, um ihn so vor sich selbst zu schützen. Glauben Sie, dass die Menschheit einmal an so einen Punkt gelangen könnte?

Herbert W. Franke:
Das halte ich für möglich, und ich habe solche Situationen in einigen meiner Erzählungen und Romanen selbst beschrieben. Es handelt sich um ein interessanteres Problem als jenes der in der Science Fiction oft beschriebenen Auseinandersetzungen mit böswilligen Robotern und dergleichen. Wenn man die Gefahr einer durch Künstliche Intelligenz verursachten Infantilität erkannt hat, sollte es nicht schwer sein, sie zu vermeiden. Vielleicht aber könnten künftige Menschen eine solche Betreuung als wünschenswert erachten.

Erik Schreiber:
Wenn ich einmal auf ihre Arbeit als Herausgeber von SF-Erzählungen kommen darf. Nehmen wir an, Sie würden heute die Aufgabe noch einmal übernehmen. Würden Sie die gleiche Auswahl treffen oder würde sie ganz anders ausfallen?

Herbert W. Franke:
Wenn mir bessere Geschichten zur Verfügung stünden, würde ich sie gern verwenden. Manchmal gab es lediglich ein bestimmtes Kontingent von Geschichten, aus denen ich aussuchen durfte, und dann war es schwer, wirklich gute Geschichten zu finden. Ich erinnere mich weiter daran, dass ich manchmal von Stories, die aus weniger bekannten Sprachen, beispielsweise rumänisch oder japanisch übersetzt worden waren, enttäuscht war - die ich ja nicht selbst lektorieren konnte. Es gab aber gerade in den genannten Sprachen auch richtige Entdeckungen, beispielsweise den polnischen Informatiker Konrad Fialkowski und den rumänischen Schriftsteller Adrian Rogoz.

Erik Schreiber:
Welche Erzählungen, die sie damals auswählen konnten, beeindruckten sie so sehr, dass sie sich heute ohne viel Nachdenken direkt daran erinnern können und warum?

Herbert W. Franke:
Eine besondere Bedeutung für mich hatte die Story "Die Rechenmaschine" von Hellmut W. Hofmann aus den 50er Jahren, die einen Zusammenhang zwischen dem Weltgeschehen und Computern aufmerksam wurde. Ansonsten erinnere ich mich an einige Namen deutschsprachiger Autoren, ohne dass ich bestimmte Titel nennen könnte. Beispiele sind Gerd Maximovic, Thomas LeBlanc, das Ehepaar Angela und Karlheinz Steinmüller sowie der Wiener Physiker Peter Schattschneider.

Erik Schreiber:
Ohne eine direkte Wertung vorzunehmen. Welche drei Autoren / Werke (durchaus auch Nichtphantastik) haben Sie besonders beeindruckt?

Herbert W. Franke:
Die Romane von Franz Kafka und Leo Perutz, und die Hörspiele von Friedrich Dürrenmatt.

Erik Schreiber:
Was fasziniert sie an Computern und Kunst?

Herbert W. Franke:
Das digitale Rechensystem, ergänzt durch entsprechende, den künstlerischen Intentionen angemessene Ausgabegeräte, erweist sich als generell einsetzbares, universelles Kunstinstrument, mit dem Kunst nicht nur präsentiert, sondern auch generiert werden kann. Wenn man von ihnen eigenständige Kunst fordern wollte, so wäre allerdings der Einsatz der heute noch utopischen künstlichen Intelligenz nötig.

Erik Schreiber:
Wie kam es zur Gründung von Ars Electronica und was waren Ihre Ziele?

Herbert W. Franke:
Die Gründung geht auf ein Konzept mit dem Namen ‚Ars ex Machina’ zurück, das von mir gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidenten des Wiener Künstlerhauses Hans Mayr ausgearbeitet, aber - nachdem ich ein Jahr unbezahlt daran gearbeitet hatte - nicht realisiert wurde. Einige Zeit später hatte der Intendant des ORF-Studios Linz, Hannes Leopoldseder, die Idee, einen Teil davon als ‚Ars Electronica’ zu realisieren, und bat mich um Mitarbeit.

Erik Schreiber:
Ist die Zielsetzung von damals noch gültig oder änderte sie sich inzwischen?

Herbert W. Franke:
Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik für alle Beteiligten befruchtend wirken, und das ist jadurch den Erfolg der Ars Electronica bestätigt worden.

Erik Schreiber:
Welchen Einfluss hat die Arbeit bei Ars Electronica auf sie als Schriftsteller?

Herbert W. Franke:
Sie hat mich dazu angeregt, mich weiterhin noch mehr als früher publizistisch mit den Fragen der Verbindungen zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik zu beschäftigen, wobei ich mich besonders mit den künftigen Entwicklungen, beispielsweise der Computerkunst, auseinandersetzte. Im Übrigen hat sich einiges, was damals nur Erwartungen waren, inzwischen erfüllt.

Erik Schreiber:
Sehen Sie sich als schriftstellernden Wissenschaftler oder wissenschaftlichen Schriftsteller?

Herbert W. Franke:
Als beides - wenn da ein Unterschied sein sollte.

Erik Schreiber:
Sie schreiben sehr unterhaltsam und abenteuerlich, manchmal etwas philosophisch, dann wieder eher wissenschaftlich-korrekt. Welches ist ihr Zielpublikum?

Herbert W. Franke:
Es sind vor allem Angehörige der wissenschaftlich-technischen Kultur im Sinn der ‚beiden Kulturen’ von E. C. Snow, die meine Bücher gern lesen. Aber gerade dadurch, dass ich an der Oberfläche eine spannende Handlung anzubieten versuche, gibt es auch viele junge Menschen unter meinen Lesern, die oft erst nach der Lektüre merken, dass es unterschwellig um ernsthafte Probleme geht, die jeden von uns betreffen.

Erik Schreiber:
Mit Ihren Roman sind Sie ihrer Zeit immer ein wenig voraus. Sehe ich mir ihren Roman Auf der Spur des Engels an, so finde ich dort die Jahresangabe 2238. Die Technik entspricht aber doch eher der der jetzigen Zeit. Erwarten Sie, dass sie die Wissenschaft nicht weiterentwickelt?

Herbert W. Franke:
Die Angabe auf dem Klappentext ist leider falsch. Wenn Sie das Buch lesen, so finden Sie dort das richtige von mir angegebene Datum: 2038, und damit sind Sie sicher eher einverstanden. Im Übrigen habe ich im Jahr 1970 zusammen mit dem Physiker und Mediziner Emil Heinz Graul ein Buch mit dem Titel Die unbewältigte Zukunft geschrieben, in dem wir auch vor eindeutigen Voraussagen nicht zurückschreckten. Inzwischen zeigte sich, dass wir oft Recht hatten, in vielen Fällen aber das Eintreten unserer Erwartungen zu früh ansetzten. Das hat mich dazu gebracht, in dieser Beziehung etwas vorsichtiger zu sein. Ich glaube auch nicht, dass der technische Fortschritt, den wir im letzten Jahrhundert zu verzeichnen hatten, unbedingt in diesem Tempo weitergehen kann; dafür spricht etwa die Tatsache, dass Spitzenforschung kaum noch zu bezahlen ist.

Erik Schreiber:
In Ihrem neuen Buch Flucht zum Mars schicken Sie Menschen zum Mars, um in die chinesische Festung einzudringen. Die Idee mit den dort lagernden Insignien und Waffen erscheint mir ein wenig weit hergeholt.

Herbert W. Franke:
Ich weiß nicht, ob ich das den künftigen Lesern des Buches schon mitteilen soll - jedenfalls ist das doch nur ein lächerlicher und damit einem vermeintlichen Überlebensspiel angepasster Vorwand, der sich als Versuch einer Irreführung erweist.

Erik Schreiber:
Auf dem Mars sind die Handlungsträger damit beschäftigt, Erkenntnisse und Erfahrungen zu sammeln. Warum muss das auf dem Mars sein, der Mond ist doch viel näher?

Herbert W. Franke:
Eben: Er ist zu nahe. Es liegt an dem Grund, der zu dieser Expedition geführt hat und den ich hier wirklich nicht verraten möchte. Der Mond wäre von jenem ‚Ereignis’ betroffen gewesen.

Erik Schreiber:
Mir scheint, Sie haben in diesem Roman alle ihre Interessensgebiete zusammen bearbeitet. Möchten Sie mit diesem Buch einen Abschluss ihrer Arbeiten herausgeben?

Herbert W. Franke:
Sie haben Recht: Mein Interesse an utopischen Geschichten hat mit einem Marsroman begonnen, ich habe seither mehrere andere gelesen, in denen mir der Mars sehr unrealistisch geschildert vorkam. Um 2000 herum habe ich mich etwas intensiver mit dem Mars beschäftigt und dabei etwas herausfinden können, was ich meinen Erfahrungen als Höhlenforscher zu verdanken habe: die auf physikalischen bzw. geologischen und sedimentologischen Gegebenheiten beruhende Tatsache, dass es auf dem Mars riesige Lavahöhlen geben muss. Ich kehre mit diesem Buch also zu meinen Anfängen zurück. Das muss aber nicht unbedingt bedeuten, dass es mein letztes ist.

Erik Schreiber:
Sehr geehrter Herr Franke, ich danke Ihnen für ihre ausführlichen Antworten und wünsche ihnen noch viel Gesundheit und eine gute Zeit.

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